Die 12 süßesten Volontär:innen in Hessen

Wie schon gesagt: Eigentlich hatte ich mit dem Gedanken abgeschlossen, mich noch in irgendeiner Form – in Deutschland – diskursiv zu beteiligen. Und nun fange ich beim Hessischen Rundfunk an.

Der Hessische Rundfunk in Dornbusch

Genauer gesagt werde ich dort mit elf weiteren Leuten ein journalistisches Volontariat antreten, womit ein Traum für mich in Erfüllung geht. Damit wird aber auch meine Zeit in Skandinavien nach etwas über drei Jahren ihr Ende finden. Damals verließ ich Deutschland, weil ich keine Perspektiven für mich sah, vom Rechtsruck die Nase voll hatte und ein Leben zwischen Dänemark und Schweden selige Gleichgültigkeit versprach.

In der Zwischenzeit hat sich einiges getan: Rechter Terror wie in Halle und Hanau steht einer erstarkenden Zivilgesellschaft gegenüber. Beides ging nicht spurlos an mir vorüber und lenkte meinen Blick wieder auf Deutschland. Ich machte mir Sorgen um meine Eltern. Mir fehlte mein Freundeskreis. Die skandinavische Gleichgültigkeit, die mir anfangs so zusagte, zermürbte mich zusehends.

Der hr setzte keinen Studienabschluss mehr für das Volontariat voraus. Ich machte mir keine Hoffnungen, als ich meine Unterlagen einreichte, kam jedoch Runde für Runde weiter. Selbstzweifel, dass ich vielleicht nur wegen meiner Herkunft zum Auswahltag eingeladen wurde, zerstreute meine beste Freundin mit den Worten: „Du bist die kartoffeligste Kartoffel, die ich kenne!“, und sie ergänzte noch: „Du hast mir erzählt, dass du nachts um fünf service:trends zum Thema ‚Salami‘ schaust!“

Tatsächlich wurde mir auf dem Auswahltag zu verstehen gegeben, dass ich nicht ohne Grund eingeladen wurde; bekloppter Lebenslauf hin oder her. Mir wurde – und wird – eine Wertschätzung entgegengebracht, die ich in einem Bewerbungsprozess noch nie erlebt habe.

Ich freue mich sehr darauf, hessische Wirklichkeiten abbilden zu dürfen.

Der Boy von Seite 450

Eigentlich hatte ich mit dem Gedanken abgeschlossen, mich noch in irgendeiner Form – in Deutschland – diskursiv zu beteiligen. Ein Jahr nach meiner Auswanderung wird jedoch mein dusseliger Name unter den Beitragenden eines Sammelbandes namens Freiheit ist keine Metapher. Antisemitismus, Migration, Rassismus, Religionskritik aufgeführt. Mutter empfindet nach meinem Studienabbruch doch noch Stolz für mich.

Vojin Saša Vukadinović (Hrsg.): »Freiheit ist keine Metapher«

Dankbarerweise durfte ich eine eher befragende, beobachtende Rolle einnehmen. Zumindest sind die nachträglich eingewobenen politisch-programmatischen Forderungen im Text Herkunft, Homosexualität, Humankapital – wer darf bleiben? Mit Ravi, Emile und Fabrice über die Grenzen des europäischen Humanismus vergleichsweise handzahm ausgefallen.

Dabei war es mein erklärtes Ziel, das Bewusstsein für die Fragestellung allein durch die persönlichen Erfahrungen der Interviewpartner herzustellen. Schade ist, dass es mir nicht gelungen ist, auch nicht-schwule Perspektiven einzufangen. Von Skandinavien aus war es richtig knifflig, Kontakte herzustellen. Umso mehr hoffe ich, dass diese Unzulänglichkeiten der Wirkung aller Geschichten und Schicksale nicht abträglich sind.

Den Interviewten gilt mein besonderer Dank. Es war bewegend und bei aller Ernsthaftigkeit des Sujets auch ein großer Spaß. Weiterhin danke ich dem reizenden Team des Querverlags sowie der „Courtney Love der Geschlechterforschung“: Vojin Saša Vukadinović.

(Bei so viel gutem Karma ist es kein Wunder, dass ich in meinem Brot-und-Butter-Beruf hinterrücks mit Content-Marketing-Driss betraut wurde. Hmpf.)

C Duncan: »The Midnight Sun«

C Duncan: »The Midnight Sun«

Unwirsch bricht die Dunkelheit über den Herbst herein. Für Chris Duncan, dessen Wohnung in Glasgow ein ganzes Stück vom Polarkreis entfernt liegt, verspricht sie nach einem Sommer mit bis zu 21 Stunden Sonne am Tag nur Gutes. Vorbei die Tage, in denen man sich als Nachtmensch klaustrophobischen Zuständen ausgesetzt sah, während sich der Rest der Welt sklavisch dem Tageslicht unterwarf. Ironischerweise eignete sich C Duncans Debütalbum Architect aus dem Jahre 2015 hervorragend für sommerliche Zwecke: Dank lieblicher Instrumentierung und buttercremezarten Harmonien hatte es das Zeug zur Ferienliebe. Zumindest wurde Architect, obgleich von Kritikern wertgeschätzt, ein wenig als vergänglich, gar als Easy Listening abgetan.

So easy ist es ein Jahr später mit The Midnight Sun nicht mehr – obwohl für den 27-Jährigen wieder einmal alles von leichter Hand ging: Abermals nahm er seine Kompositionen im Alleingang in seiner Wohnung auf und investierte dieses Mal vielleicht 30 Pfund für Kopfhörer. Ein bisschen noch ging für Wein, Kippen und den Stromverbrauch beim Twilight-Zone-Marathonglotzen drauf. Der Rest hingegen ist künstlerische Hochbegabung: Sei es für das Covermotiv, das er wie schon für Architect selbst gemalt hat, oder eben für seine Musik, die mit der schnoddrigen, Lo-fi verheißenden Wirklichkeit so gar nichts gemein hat.

The Midnight Sun bewahrt die sakralen Harmonien, setzt sie allerdings weitgehend elektronisch erzeugten, teils beklemmenden Atmosphären entgegen. Dabei zeugt es von reichlich Selbstvertrauen, mit der vollsynthetischen ersten Single Wanted to Want It Too in die Öffentlichkeit zu gehen. Doch hier spielt Duncan seine oftmals überhörte Stärke offensiv aus: Ausdruck und Bedeutung finden sich in behutsamen, diffusen Bewegungen wieder, was im zweiten Refrain geradezu meisterhaft ausgeübt wird. Ganz anders fällt das andere große Experiment aus: Like You Do gerät dank des wendigen, doch ungewohnt dominanten Schlagzeugs in einen Trott, dessen Überwindung die Katharsis darstellt.

Other Side schlägt eine der Brücken zum Debütalbum: Rückblickend ist es absurd, dass wenige Synthie-Elemente ausreichen, um vermeintlich leicht verdauliches Geplätscher als den anspruchsvoll komponierten, aufregenden Pop zu begreifen, der er ist. Dabei spricht prinzipiell nichts gegen Musik, die im Hintergrund gut funktioniert, so wie bei Last to Leave. Duncan, dieses Wunderkind, das im Zwielicht seiner methodischen Experimentierfreude mit der Präzision seiner musischen Bildung operiert, hat ein betörendes Werk mit regelrecht synästhetischen Qualitäten geschaffen. Im Zusammenspiel von Perkussion und Wiegenlied-Charakter vermittelt sich das mannigfaltige, überwältigende Gefühl, das man bei einer nächtlichen Autofahrt durch eine Großstadt erlebt: Geborgenheit, Entgrenzung und Kontrollverlust – und das alles gleichzeitig.