#tagebuch

Narren

Als meine Klassenlehrerin schreiend im Babykostüm an mir vorbeizog, erkannte ich meine Notlage. Ich war umzingelt von den handelsüblichen Cowboys, Indianern, Prinzessinnen und dem einen Mädchen, das sich wie ein Junge kleidete und damit unter Eltern wie Lehrkörpern Genderdebatten auf Hagebuttentee-im-Plastikbecher-Niveau auslöste.

Zwei Becher Hagebuttentee zuvor, im Auto, waberte die Morgensonne zusehends durch das bunte Treiben auf den Straßen, als mein Vater zärtlich mit seiner rechten Hand durch meine schnöde Pilzkopffrisur fuhr, dabei gegen § 1 StVO verstieß und besorgt nachfragte: „Bist du dir wirklich sicher? Ich meine, das ist doch gar kein richtiges Kostüm...“ Ich verurteilte seine Kritik an mein hautenges schwarzes Rollkragenshirt und die schwarzen Leggins aufs Schärfste: „Egal.“

Steffen mit dem billigen, baumelnden Ohrring hatte seine Ärzte-CD mitgebracht, man zappelte ungelenk zu Männer sind Schweine und blies feste in die Tröte. Da ich Wochen zuvor von allen Mädchen zum „nettesten Jungen in der Klasse“ gewählt wurde, begegnete man meiner Kostümierung zwar bemüht wohlwollend, jedoch auch ratlos. „Gamma? Aus dem Lustigen Taschenbuch? Der Außerirdische, der alle möglichen Dinge aus seiner Hose ziehen kann?“ Leider konnte ich kein Verständnis aus meinen hautengen Leggins ziehen, doch ehe sich der wütende Mob mobilisieren konnte, fiel dieser gottlob einem sauren Konfettiregen anheim. Ich flüchtete, ich flüchtete mit der gleichen Dringlichkeit wie einst meine Familie aus dem Iran und lief mich mit selbstgemachter Holunderlimonade voll.

Das Riesenbaby berief einen Stuhlkreis ein, der mich auf die (Stuhl-)Probe stellen sollte. Die Limonade führte nicht nur den Rausch herbei, der meinen Weltschmerz mit raffiniertem Zucker überzog, sondern erhöhte meine Gesamtfüllmenge enorm. Um wieder auf Abtropfgewicht zu gelangen, meldete ich mich: „Frau Haas, ich muss auf die Toil—“ – „Ach, wie schön, Sohiel macht auch mit beim Kostümwettbewerb!“

Während sich viele immer noch nicht eingekriegt hatten vor Lachen, sprangen die verwegensten Burschen der Klasse auf und tanzten im Kreis zu We've Got It Goin' On von den Backstreet Boys. Steffen mit dem billigen, baumelnden Ohrring ließ als Bullenschwein seine Kanone sprechen; Mirko war vermutlich Ryan Gosling; Thomas mit dem abstoßenden Schweif, der bis zum Nacken reichte und sich kringelte, klopfte sich als Gorilla gekleidet an die Brust und schrie wie Tarzan.

Die Prinzessinnen waren außer sich, sie gackerten sich regelrecht zur Geschlechtsreife empor – doch als ich daherkam, zerfleischten sie mich nach echten Mannsbildern gierend mit ihren Blicken. Ich brach in Schweiß aus, zitterte im Takt zu Max Martins Retortenrhythmen, überschritt im Delirium das irdische Sein und drehte mich schneller als die Maxi-CD im Grundig-Grundschulghettoblaster. Als ich später wieder Bewusstsein erlangte, sah ich an der Tafel, dass ich mit einer Mitleidsstimme zum uncoolsten Jungen in der Klasse gewählt wurde.

Zum Abschluss fanden sich alle Schulklassen in der Turnhalle wieder. „Und jetzt sucht euch einen Tanzpartner!“ Niemand wollte mit mir gesehen werden. „Hier kommt der Ententanz!“ Ausgelassen watschelten sie um die Wette, ich drehte mich einmal im Kreis und setzte mich zunächst an den Rand, ehe ich völlig unbemerkt das Szenario verließ und den Heimweg antrat, mit hautengen Klamotten und einem überlebensgroßen Scout-Schulranzen.

11.11.2014, 11:11 Uhr

#tagebuch

Hurtig

Auf dem Heimweg von der Arbeit.

Ein attraktiver Mann rennt auf mich zu, streckt die Arme aus, strahlt mich an, seine durchtrainierte Brust hebt und senkt sich, sein T-Shirt flattert, aus dem Hintergrund ertönt ein Beach-Boys-Lied, mein Herz klopft, er bleibt stehen, blickt mich entgeistert an, dreht sich um und rennt zurück.

30.08.2014, 15:03 Uhr

#tagebuch #musik

Frankreich

Nun also Paris. Würde ich in diesem Moment keinen Koffer mit mir führen, hätte ich mir die Haare notdürftig mit Nivea-Creme „blondiert“ und würde wie Christopher Lambert durch den Untergrund eilen. So bleibt mir nur der ehrfürchtige Müßiggang durch die verwinkelte Metro-Haltestelle, die von der Erfindung der Rolltreppe nichts wissen will.

Trotz rudimentärster Französischkenntnisse finde ich den Weg zu meiner Bahn. Ich setze mich zu einer attraktiven Frau, brünett, mutmaßlich Mitte vierzig, die mich mit gezielten Blicken und ihrer Netzstrumpfhose vereinnahmt. Sie holt ihr Telefon heraus, zückt ihre Kopfhörer hervor und heißt mich, keck wie sie ist, mit einem Lied willkommen, das verheißungsvoller nicht sein könnte.

13.04.2014, 16:12 Uhr