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Holly Miranda: »Holly Miranda«

Holly Miranda: »Holly Miranda«

Zugegeben, wenn dem Begleittext zu entnehmen ist, dass Holly Miranda auf ihrem zweiten Soloalbum „zu ihren Liedermacherwurzeln“ zurückkehrt, was sehr unangenehm nach Reinhard Mey klingt, lässt sich der sentimentale Blick auf das Jahr 2010 nicht verkneifen: Das Vorgängerwerk The Magician’s Private Library war ein zwar funkelnd nokturnales, doch weithin verschlafenes Juwel. Es war das verlorene Album und vielleicht auch letzte Aufbäumen von TV On The Radio in ihrer ersten großen Phase, die in Return to Cookie Mountain gipfelte. Eine anständige Referenz für Produzent Dave Sitek, für Holly Miranda selbst blieb hingegen nicht viel Platz, einzig die ferne Erinnerung als irrlichternde Gestalt: Holly, die Waldfee!

Insofern ist es nur folgerichtig, der Motivation für das zweite, selbst betitelte Album Glauben und Wohlwollen zu schenken. Bereits der Einstieg mit Mark My Words offenbart, dass sie von ihren damaligen Erfahrungen durchaus profitiert: Die Dave-Sitek-Gedächtnisblasinstrumente dürfen bleiben und tragen den Song im Hintergrund, auch die atmosphärische Produktion ist als Anknüpfung zum Vorgänger zu verstehen. Zugleich gibt der Folgetrack All I Want Is to Be Your Girl nicht zuletzt auf perkussiver Ebene eine neue Verspieltheit vor, die die Thematik des Albums – sinngemäß: „Lieb mich, Du Sau“ – possierlich unterstreicht.

Everlasting ist ein Song, für den Joan As Police Woman morden könnte: Ist es der konstrastreiche Hintergrundgesang, die Musik gewordene Entblößung und bittersüße Schönheit? Was fehlt, ist einzig und allein Joan Wassers Tatwaffe: ihre E-Gitarre. Doch hier dürfte Holly Miranda Liedermacherwurzeln geschlagen haben. Distinktion durch Aussparung, möchte man unken, wäre das Ergebnis nicht so ergreifend. Allerdings lässt sich das Rezept nicht beliebig anwenden: Das überraschend synthielastige Whatever You Want funktioniert aus der La-Roux-Brille betrachtet nur bedingt.

Um noch einmal auf Joan Wasser zurückzukommen: Desert Call ist das unverkennbare Herz von Holly Miranda und auch Holly Miranda, ganz ohne Verfremdungskursivschrift. Es steht außer Frage, dass der Aufbau des Songs zum Refrain von wahrer Empfindsamkeit zeugt. Umso amüsanter und fast schon dreist mutet das wiederholte Hallelujah zum Schluss an, das nicht zuletzt mit Wassers einstiger Liebe Jeff Buckley in Verbindung gebracht wird. Dennoch ist Holly Miranda, das Album, keine bloße Pastiche oder fehlgeleitete Hommage. Ihrer erklärten Absicht, sich selbst Ausdruck zu verleihen, wird sie mit offenherzigen Texten und einer selbstbestimmt-behutsamen Instrumentierung gerecht. Raus aus dem Wald, rein ins Herz. Und jetzt lieb mich, Du Sau!

17.08.2016, 21:06 Uhr

#musik

Japanese Breakfast: »Psychopomp«

Japanese Breakfast: »Psychopomp«

In mancherlei Hinsicht ist Michelle Zauner eben noch unbedarft: Auf der Suche nach einem Namen für ihr Soloprojekt stolpert die Sängerin und Gitarristin der Band Little Big League über zwei appetitliche Wörter: Japanese Breakfast. Dass sie seitdem für eine Japanerin gehalten wird, entbehrt nicht einer gewissen Tragik, ist doch ihre verstorbene koreanische Mutter auf dem Cover abgebildet und in drei Songs verewigt worden – ein denkbar ungünstiger Moment, um sich mit unnötig anstrengenden Herkunfts- und Identitätszweifeln zu plagen.

Doch was ist schon ein günstiger Moment? Wenn sich Zauner durch die Hinterlassenschaft ihrer Mutter wühlt und den Spagat zwischen posthumer Zärtlichkeit und ihrer atheistischen Rationalität bewältigen muss (In Heaven)? Oder wenn sie in Rugged Country ihrer Jugend entrissen wird, als ihre Freundin von einem gemeinsamen Freund verprügelt wird? Wenn nach der Tante die Mutter am Krebs verenden muss (Heft)? Warum stellt sich Liebe dann ein, wenn man eigentlich nur mal verdammt horny ist (Everybody Wants to Love You), und der schnöde Fick, wenn man eigentlich „nur“ geliebt werden will (Triple 7)? Hat man sich das alles nicht irgendwie anders vorgestellt, unschuldiger, klarer? Dass sich solche Fragen unbeantwortet durch die meisten Songs ziehen, obwohl sie in einem Zeitraum von sechs Jahren entstanden sind, spricht für sich.

Sechs Jahre also, in denen Zauner sich als Künstlerin zweifelsohne weiterentwickelt hat. Nach dem Tod ihrer Mutter nahm sie sich Zeit und reicherte eine Handvoll Lo-Fi-Songs, die sie unter unterschiedlichem Namen mit unterschiedlicher Besetzung eingespielt und auf Kassette vertrieben hat, mit melancholischen Reminiszenzen an Shoegaze, Indie-Rock und Synthie-Pop der Neunziger an – eine eigenwillige, undogmatische und fabelhafte Mischung: Psychopomp besticht in erster Instanz durch ein verstörend schönes Zusammenspiel aus lieblichen Melodien und ambivalenten Texten für gebrochene Menschen. Auf allen Ebenen offensiv wird Zauner am ehesten noch in Jane Cum, wenn sie gegen die Wall Of Sound und alle Verlustängste dieser Welt ansingt.

Ansonsten bewahrt sich Michelle Zauner etwas, das vielleicht wirklich im Sinne des titelgebenden Psychopomps steht: eine Urteilsfreiheit, eine vermittelnde Rolle zwischen vermeintlich gegensätzlichen Welten: Leben und Tod, Liebe und Verachtung und den ganzen anderen verkorksten Wendungen, die das Leben so bietet. Dafür, dass dieses fesselnde Album lediglich um die 25 Minuten lang ist, eine durchaus sensationelle Leistung. Dass der Kopf hinter Japanese Breakfast jetzt für eine Japanerin gehalten wird, ist da nur die Tragik am Rande.

02.08.2016, 21:34 Uhr

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William Tyler: »Modern Country«

William Tyler: »Modern Country«

Für die Einen ist es absurd, Musik zu politisieren. Sie greifen zu Modern Country und haben vorher vielleicht aufgeschnappt, dass William Tyler mit Lambchop und Silver Jews gespielt hat und für das Album unter anderem Wilco-Schlagzeuger Glenn Kotche und Phil Cook von Megafaun gewinnen konnte. Folgerichtig erwarten sie Americana. Sie bekommen Americana, ohne Texte und Vocals, reine Instrumentals, sie hören Tylers fähiges Fingerpicking und die vom Minimalismus eines Steve Reich informierten Arrangements in Gone Clear. Was repetitiv ist, verbuchen sie unter plumpem Storytelling. Highway Anxiety zum Beispiel: Aha, das gleicht einer Schleife, da denkt man doch an die immergleichen Straßen in der Wüste, ja, das muss beklemmend sein.

Für die Anderen gibt es nichts Naheliegenderes, als Modern Country als Statement zu deuten. Dazu gehört Tyler höchstselbst, der seine Beweggründe in einem Trailer erstaunlich wortreich und mit gewissem Pessimismus aufschlüsselt. Auf einmal ist das Album nichts anderes als ein postpolitischer Abgesang ohne Gesang auf ein Amerika, das bereits zerfallen oder noch im Zerfall begriffen ist.

So verheißt Highway Anxiety in seiner Schleifenartigkeit eine Zuverlässigkeit und Beständigkeit, die bei zunehmender Heimatlosigkeit verlustig gegangen ist. Das grandios betitelte I’m Gonna Live Forever (If It Kills Me) setzt für zwei zaghafte Sekunden mit einer Drummachine nach Art von Iggy Pops Nightclubbing an, entfaltet jedoch einen ganz anderen Charakter: zutiefst melodiös und doch die Fassung bewahrend. Ein ausschweifendes Spiel in starren Strukturen, das Tyler auch in Albion Moonlight treibt: ein furchtlos ruhiges, beseeltes Stück, das sich im Titel auf Kenneth Patchens surrealistische Prosa The Journal of Albion Moonlight bezieht. Kingdom of Jones spannt den Bogen von der Sezession und „Reconstruction“ der Südstaaten bis hin zur Gegenwart am Mississippi, in der die Widrigkeiten fortwährend schwelen.

Vielleicht muss sich Tyler ab und an vorwerfen lassen, seinen Blick zu oft in die Vergangenheit schweifen zu lassen, ohne Perspektiven für die Zukunft aufzuzeigen. Doch die ideenreichen Kompositionen und die beinahe schon zu gekonnte Produktion sorgen dafür, dass das Album nicht schwerfällig, weinerlich und ewiggestrig anmutet. Stattdessen ist Modern Country William Tylers gelungener Versuch, seinen getriebenen Geist zu besänftigen, wenngleich seine Welt vor dem Abgrund steht.

29.06.2016, 20:49 Uhr