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William Tyler: »Modern Country«

William Tyler: »Modern Country«

Für die Einen ist es absurd, Musik zu politisieren. Sie greifen zu Modern Country und haben vorher vielleicht aufgeschnappt, dass William Tyler mit Lambchop und Silver Jews gespielt hat und für das Album unter anderem Wilco-Schlagzeuger Glenn Kotche und Phil Cook von Megafaun gewinnen konnte. Folgerichtig erwarten sie Americana. Sie bekommen Americana, ohne Texte und Vocals, reine Instrumentals, sie hören Tylers fähiges Fingerpicking und die vom Minimalismus eines Steve Reich informierten Arrangements in Gone Clear. Was repetitiv ist, verbuchen sie unter plumpem Storytelling. Highway Anxiety zum Beispiel: Aha, das gleicht einer Schleife, da denkt man doch an die immergleichen Straßen in der Wüste, ja, das muss beklemmend sein.

Für die Anderen gibt es nichts Naheliegenderes, als Modern Country als Statement zu deuten. Dazu gehört Tyler höchstselbst, der seine Beweggründe in einem Trailer erstaunlich wortreich und mit gewissem Pessimismus aufschlüsselt. Auf einmal ist das Album nichts anderes als ein postpolitischer Abgesang ohne Gesang auf ein Amerika, das bereits zerfallen oder noch im Zerfall begriffen ist.

So verheißt Highway Anxiety in seiner Schleifenartigkeit eine Zuverlässigkeit und Beständigkeit, die bei zunehmender Heimatlosigkeit verlustig gegangen ist. Das grandios betitelte I’m Gonna Live Forever (If It Kills Me) setzt für zwei zaghafte Sekunden mit einer Drummachine nach Art von Iggy Pops Nightclubbing an, entfaltet jedoch einen ganz anderen Charakter: zutiefst melodiös und doch die Fassung bewahrend. Ein ausschweifendes Spiel in starren Strukturen, das Tyler auch in Albion Moonlight treibt: ein furchtlos ruhiges, beseeltes Stück, das sich im Titel auf Kenneth Patchens surrealistische Prosa The Journal of Albion Moonlight bezieht. Kingdom of Jones spannt den Bogen von der Sezession und „Reconstruction“ der Südstaaten bis hin zur Gegenwart am Mississippi, in der die Widrigkeiten fortwährend schwelen.

Vielleicht muss sich Tyler ab und an vorwerfen lassen, seinen Blick zu oft in die Vergangenheit schweifen zu lassen, ohne Perspektiven für die Zukunft aufzuzeigen. Doch die ideenreichen Kompositionen und die beinahe schon zu gekonnte Produktion sorgen dafür, dass das Album nicht schwerfällig, weinerlich und ewiggestrig anmutet. Stattdessen ist Modern Country William Tylers gelungener Versuch, seinen getriebenen Geist zu besänftigen, wenngleich seine Welt vor dem Abgrund steht.

29.06.2016, 20:49 Uhr