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Lucy Dacus: »No Burden«

Lucy Dacus: »No Burden«

Menschen, die unerschütterlichen Anstand beweisen, stets Danke und Bitte sagen, allen die Tür aufhalten, vor ihrem Erscheinen vorsichtig anklopfen, sich nicht entschuldigen, sondern um Entschuldigung bitten, und das am besten drei-, viermal hintereinander – da platzt so manchen Arschlöchern die Hutschnur. Sie stellen die Knigge-Freunde zur Rede, bis sie sie zum Weinen bringen. Als ob es ein Zeichen der Schwäche wäre, sich konsequent zurückzunehmen! Zum Glück tritt Lucy Dacus aus Richmond, Virginia mit ihrem treffend betitelten Debütalbum No Burden an und liefert Gegenbeweise im handlichen Indie-Rock-Format.

Das Album beginnt mit einer Nebelkerze im koketten, augenrollenden Singsang zu I Don’t Wanna Be Funny Anymore, verspricht das Spiel mit der Alt-Stimmlage doch, dass Dacus über den Dingen steht und weiß, was sie will. Hiervon bleibt nach Zeilen wie „Is there room in the band? / I don’t need to be the front man“ jedoch wenig übrig. In Troublemaker Doppelgänger sehnt sie sich eine emotionale Utopie herbei: „I wanna live in a world where I can keep my doors wide open.“ Boshafte Menschen werden der 21-Jährigen unterstellen, dass sie noch zu jung ist, um mit den Unzulänglichkeiten des Lebens souverän – oder eher verbittert? – umgehen zu können. Gleichwohl ist der Song an sich viel zu packend, viel zu gekonnt zusammengesetzt, um sich zu einer dermaßen einfachen Interpretation hinreißen lassen zu dürfen.

Ähnliches gilt für Strange Torpedo – womit nicht gemeint ist, dass so manche Frau damit Tampons beschreibt. Benannt nach einem Zitat aus Fear and Loathing in Las Vegas spiegelt der Song die Gratwanderung im Umgang mit einem Partner mit Selbstzerstörungsdrang: „You’re a strange torpedo on the loose / And I’ll play the fool.“ Man muss es sich vor Augen führen: Das Album nennt sich No Burden, doch die Ich-Erzählerin trägt sich von sich aus eine ungeheure Verantwortung auf. Der Krampf findet in Trust weiteren Ausdruck, wenn sie beschreibt, wie ihr ihre bisherige Welt zusammengebrochen ist und sie für sich ein neues Fundament schaffen muss.

Immerhin: Aufgeben ist keine Option. Bei aller Schwäche und allen Ohnmachtsgefühlen ist der Wille zum Fortschritt, zu neuen Maximen, verdammt mutig. Damit ist No Burden ein im besten Sinne merkwürdiges Album: Die bloße Beobachtungsgabe steht beinharten Künstlerinnen wie Courtney Barnett in nichts nach, auch das Gitarrenspiel ist ähnlich anziehend. Doch wo Barnett mit achselzuckend-schnodderiger Unmittelbarkeit brilliert, setzt Lucy Dacus auf eine Aufrichtigkeit, die einen kalt erwischt, besorgt und schlussendlich berührt.

07.09.2016, 21:19 Uhr