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Japanese Breakfast: »Psychopomp«

Japanese Breakfast: »Psychopomp«

In mancherlei Hinsicht ist Michelle Zauner eben noch unbedarft: Auf der Suche nach einem Namen für ihr Soloprojekt stolpert die Sängerin und Gitarristin der Band Little Big League über zwei appetitliche Wörter: Japanese Breakfast. Dass sie seitdem für eine Japanerin gehalten wird, entbehrt nicht einer gewissen Tragik, ist doch ihre verstorbene koreanische Mutter auf dem Cover abgebildet und in drei Songs verewigt worden – ein denkbar ungünstiger Moment, um sich mit unnötig anstrengenden Herkunfts- und Identitätszweifeln zu plagen.

Doch was ist schon ein günstiger Moment? Wenn sich Zauner durch die Hinterlassenschaft ihrer Mutter wühlt und den Spagat zwischen posthumer Zärtlichkeit und ihrer atheistischen Rationalität bewältigen muss (In Heaven)? Oder wenn sie in Rugged Country ihrer Jugend entrissen wird, als ihre Freundin von einem gemeinsamen Freund verprügelt wird? Wenn nach der Tante die Mutter am Krebs verenden muss (Heft)? Warum stellt sich Liebe dann ein, wenn man eigentlich nur mal verdammt horny ist (Everybody Wants to Love You), und der schnöde Fick, wenn man eigentlich „nur“ geliebt werden will (Triple 7)? Hat man sich das alles nicht irgendwie anders vorgestellt, unschuldiger, klarer? Dass sich solche Fragen unbeantwortet durch die meisten Songs ziehen, obwohl sie in einem Zeitraum von sechs Jahren entstanden sind, spricht für sich.

Sechs Jahre also, in denen Zauner sich als Künstlerin zweifelsohne weiterentwickelt hat. Nach dem Tod ihrer Mutter nahm sie sich Zeit und reicherte eine Handvoll Lo-Fi-Songs, die sie unter unterschiedlichem Namen mit unterschiedlicher Besetzung eingespielt und auf Kassette vertrieben hat, mit melancholischen Reminiszenzen an Shoegaze, Indie-Rock und Synthie-Pop der Neunziger an – eine eigenwillige, undogmatische und fabelhafte Mischung: Psychopomp besticht in erster Instanz durch ein verstörend schönes Zusammenspiel aus lieblichen Melodien und ambivalenten Texten für gebrochene Menschen. Auf allen Ebenen offensiv wird Zauner am ehesten noch in Jane Cum, wenn sie gegen die Wall Of Sound und alle Verlustängste dieser Welt ansingt.

Ansonsten bewahrt sich Michelle Zauner etwas, das vielleicht wirklich im Sinne des titelgebenden Psychopomps steht: eine Urteilsfreiheit, eine vermittelnde Rolle zwischen vermeintlich gegensätzlichen Welten: Leben und Tod, Liebe und Verachtung und den ganzen anderen verkorksten Wendungen, die das Leben so bietet. Dafür, dass dieses fesselnde Album lediglich um die 25 Minuten lang ist, eine durchaus sensationelle Leistung. Dass der Kopf hinter Japanese Breakfast jetzt für eine Japanerin gehalten wird, ist da nur die Tragik am Rande.

02.08.2016, 21:34 Uhr