#tagebuch #musik

Bus

Nach einem beseelten, folgenreichen Intermezzo in der alten hessischen Heimat erwarte ich auf dem Weg zurück nach Bonn den Busnotverkehr. Ein Schlachtross älteren Semesters, geführt von einem Schlachtross älteren Semesters, begrüßt uns verheißungsvoll mit Peter Rubins Gassenhauer Wir zwei fahren irgendwo hin. Fassungslosigkeit umsäumt die manisch lächelnden Lippen der Schicksalsgemeinschaft – hier wird hr4 gehört.

Damit entpuppt sich die Busfahrt von Usingen nach Friedrichsdorf als eine Zeitreise – eine betreute Zeitreise, denn der onkelhafte Discjockey hat die eine oder andere kolossale Anekdote parat, nich’? Mit reichlich Schmackes in der Kadenz klärt er uns darüber auf, dass eine gewisse Rosemarie erst mit dem englisch anmutenden Künstlernamen Mary Roos Format erlangte. Zuvor glorifizierte sie noch Adipositas.

Der weiß gelockte Buslenker rappelt dem Sonnenuntergang entgegen, die Hügel des Hintertaunus schimmern blutig, Jonny Hill setzt Maßstäbe im William-Shatner-Gedenksubgenre der spoken-word poetry. Halbherzig hingehört handelt Ruf Teddybär eins-vier von einer bukkakehaften Erleuchtung mit achtzig mutmaßlich stark behaarten Lasterfahrern. Und mit „Mutter Teddybär“ ist eine veritable Schwulenmutti mit von der Partie.

Ich kann mir nicht verkneifen, punktuell aufzulachen, was von meinen Leidgenossen anfangs mit wohlwollenden Blicken und Schmunzlern aufgegriffen, allerdings zunehmend mit stillschweigender Sympathie für die Musik quittiert wird. Wie enttäuschend, dass sich selbst hier das Gefühl der Gruppenzugehörigkeit als falsch entpuppt hat und ich in der Folge unter Zugzwang stehe, Schienenersatzverkehr hin oder her.

„Die Frage ist doch: Wann kriegen sie dich?“

Als in Wehrheim Sven Lorig, die ewig lächelnde, von Ihren Gebühren finanzierte Fernsehharmlosigkeit, mitsamt seiner feschen Kleinstadtbahnhofsvorplatzeroberung Gabi Bauer zusteigt, erfahre ich intensivere Rückmeldungen vermittels ihrer irritierten Blicke, als ich unbeholfen mit ihnen lache. „Wusst’ ich’s doch, das war eben Max Raabe!“, säuselt Sven Lorig erektil in Gabi Bauers Richtung, nachdem weißer Flieder besungen wurde.

Somit brachte, gepaart mit Veronika, der Lenz ist da, der Scheibbleddenjoggeh mit stolzgeschwellter Brust „zwei Frühlingshits am Stück“. Seine darauffolgende Hommage an Bob Dylan stellt sich als eine Huldigung an dessen Wikipedia-Artikel heraus, angereichert mit fun facts zu Dylans Tourneebus. Ach du Hessischer Rundfunk!

Der Höllenritt findet sein zähes Ende mit dem Jungen mit der Mundharmonika, der plärrt, bläst und pustet für einen Engel, der Sehnsucht heißt. Wankelnd steigen wir aus dem Bus und in die S-Bahn hinein und ich halte zur Entgiftung die Cantiones sacrae von Heinrich Schütz parat. Sven Lorig, der in Wehrheim mit der Firma Ohropax Geschäfte gemacht (verrichtet?) hat und nun mit mir gemeinsam die Rückfahrt ins Rheinland antritt, und Gabi Bauer aus Oberursel tauschen am Ende Nummern aus: „Aber WhatsApp ist böse, hihihi! Hast du denn dieses Threema?“ Ich hätte einen Axtmord vollzogen, wären mir nicht kürzlich in Frankfurt ähnliche hormonelle Wirrungen widerfahren.

Verdammt. Sie haben mich doch noch gekriegt.

(Wem Wagemut innewohnt, der kann meine Busfahrt mithilfe dieser Wiedergabeliste nachvollziehen – ein naheliegender Fall für Spotifys „Private Session“-Funktion.)

04.04.2014, 13:19 Uhr