Never don’t give up

Eigentlich wollte ich es vor einem Jahr mit der Bewerbung beim hr sein lassen. Immerhin wurde über die letzten zwanzig Jahre konsequent an mir vorbeigesendet, was mit parteipolitischen Interessen typischer Boomer zu tun haben schien. Zugleich hatte ich ernüchternde, demotivierende Erfahrungen in der Medienwelt gemacht.

Wollte ich noch einmal im Journalismus Fuß fassen oder mich weiter auf dem skandinavischen Arbeitsmarkt durchkämpfen?

Um diese Frage beantworten zu können, setzte ich mich nach längerer Zeit im Exil wieder intensiv mit dem Programm des hr auseinander, befragte einige Leute aus dem ARD-Umfeld und kam zu folgenden Erkenntnissen:

  • Die journalistische Qualität und Relevanz hat nach einigen dunklen Jahren spürbar zugenommen.

  • Die hr-Antwort auf den Medienwandel fällt in sich schlüssig aus und wird intern transparent vermittelt, dann konsistent und empathisch implementiert.

  • Die Geschäftsführung gibt Macht ab und schenkt den Programmmachenden mehr Vertrauen.

  • Schwachstellen werden in bemerkenswert radikalen Worten benannt und in Angriff genommen.

Also reichte ich meine Bewerbung ein und formulierte darin deutliche Kritik am Programm der letzten Jahre. Meine Rechnung ging dermaßen gut auf, dass ich nun auf den ersten Volo-Monat zurückblicken kann.

Es ging direkt hoch her. Das neue Auswahlverfahren für Volontär:innen hat nicht nur ARD-weit, sondern auch innerhalb einer interessierten Öffentlichkeit für Aufmerksamkeit gesorgt. Es setzt Digitalität, Diversitätsbewusstsein und journalistisches Potenzial an erster Stelle und schielt nicht mehr auf Abschlüsse.

Manche Reaktionen fielen wunderlich, gar unsouverän aus: Ältere ARD-Kolleg:innen prophezeiten eine inhaltliche Verflachung. Andere zeigten sich enttäuscht, dass unser Gruppenfoto gar keinen schmuddeligen Eindruck hinterließ, oder wollten auf aufdringliche Weise wissen, was uns denn jetzt so divers macht. Ich erinnere mich an ein Gespräch, das sich sinngemäß mit „Hose runter! Bist du überhaupt beschnitten?“ zusammenfassen lässt.

Letztlich sagen diese Reaktionen mehr über die Leute und ihre eigenen Unzulänglichkeiten aus als über uns und unsere Arbeit.

Ich für meinen Teil freue mich, dass ich als klopsiger Studienabbrecher beim hr volontieren kann. Das sage ich nicht nur, weil ich eine hochwertige Ausbildung genießen darf, mit einem starken Jahrgang und einem Personalbildungs-Team, das mir vom ersten Tag an Respekt, Wertschätzung und Vertrauen entgegenzubringen weiß.

Ich sehe auch, dass ich mit meinem wirren Erfahrungsschatz und klaren Wertvorstellungen den komplexen Aufgaben des Journalismus die nötige Demut und Motivation entgegenbringen kann – denn so hochtrabend es klingt: Ich bin der Demokratie und Zivilgesellschaft verpflichtet.