Ein Coronafall in Schweden

Ich platzierte die Lebensmitteltüten auf die Mitte, klingelte an der Tür, rückte meine FFP2-Maske zurecht und lief zwei Schritte zurück. Mein Freund öffnete die Tür, sichtlich gezeichnet von etwas, das sich im Nachhinein als Corona entpuppen sollte, und nahm meine übrig gebliebenen Lebensmittelsvorräte entgegen. Ich konnte ihn nicht umarmen, nicht küssen, nicht noch ein letztes Mal an ihm riechen. Ich lief zum Fahrstuhl und nahm mir fest vor, auf dem Heimweg nicht zu weinen.

Viel mehr ließ ich in Malmö nicht zurück. Eine Handvoll Leute werde ich hoffentlich wiedersehen können; bei allen anderen war es an der Zeit, weiterzuziehen. Die Pandemie hat mein Verhältnis zu Schweden abkühlen lassen. Fremde zeigten mit dem Finger auf mich, wenn ich einen Mund-Nasen-Schutz trug, oder äfften mich im Supermarkt nach, wenn ich Abstand erbat. Manchen Bekannten war es unangenehm, mit mir und meiner Maske gesehen zu werden. Es fehlte an Verständnis und zuletzt Geduld dafür, dass mein Freund zur Risikogruppe gehörte und ich mich ihm gegenüber verantwortungsvoll verhalten wollte.

Für ihn war es erst recht nicht leicht: Wich er auf dem Gehweg anderen Menschen aus, hielt ihn die Polizei fest, da er sich „verdächtig“ verhalten habe. Seine finanzielle Situation war dermaßen angespannt, dass er vom Arbeitsamt dazu gedrängt wurde, unter Menschen zu arbeiten. Bestimmte Arbeitsstätten konnte er nicht mit dem Fahrrad, sondern nur mit dem ÖPNV erreichen, wo die Abstands- und Hygiene-„Empfehlungen“ nicht ernsthaft eingehalten wurden.

Er hatte Pech. Fieber, Schmerzen, die sich mit Hausmitteln nicht in den Griff kriegen ließen, Atemprobleme, Beklemmungen. Er reservierte ein Zeitfenster in der Apotheke, in der ich als Bevollmächtigter seinen Coronatest abholen und wieder abgeben musste. Ich versuchte, nicht emotional zu werden, mich nicht über das schwedische Gesundheitssystem aufzuregen, und konzentrierte mich auf meinen Umzug, mistete Gegenstände aus, taktete den Ablauf des Umzugstags präzise. Ich musste funktionieren und nicht daran denken, dass ich ihn mit meinem Umzug und meinem fancy-schmancy Volontariat in einer absoluten Notlage vollkommen im Stich lasse.

Meinen letzten Tag in Malmö verbrachten wir damit, per Kurznachrichtendienst in Erinnerungen zu schwelgen, seine Pläne für ein besseres, selbstbestimmtes Jahr 2021 zu schmieden und ein ungleich würdevolleres Wiedersehen zu vereinbaren. So scheiße es auch ist, dass er nach 14 Tagen wieder arbeiten muss, um Geld zu verdienen, und so ungewiss die Langzeitfolgen für ihn sein werden: Die Hoffnung lässt er sich nicht nehmen.