#gesellschaft

Der Boy von Seite 450

Eigentlich hatte ich mit dem Gedanken abgeschlossen, mich noch in irgendeiner Form – in Deutschland – diskursiv zu beteiligen. Ein Jahr nach meiner Auswanderung wird jedoch mein dusseliger Name unter den Beitragenden eines Sammelbandes namens Freiheit ist keine Metapher. Antisemitismus, Migration, Rassismus, Religionskritik aufgeführt. Mutter empfindet nach meinem Studienabbruch doch noch Stolz für mich.

Vojin Saša Vukadinović (Hrsg.): „Freiheit ist keine Metapher“

Dankbarerweise durfte ich eine eher befragende, beobachtende Rolle einnehmen. Zumindest sind die nachträglich eingewobenen politisch-programmatischen Forderungen im Text Herkunft, Homosexualität, Humankapital – wer darf bleiben? Mit Ravi, Emile und Fabrice über die Grenzen des europäischen Humanismus vergleichsweise handzahm ausgefallen.

Dabei war es mein erklärtes Ziel, das Bewusstsein für die Fragestellung allein durch die persönlichen Erfahrungen der Interviewpartner herzustellen. Schade ist, dass es mir nicht gelungen ist, auch nicht-schwule Perspektiven einzufangen. Von Skandinavien aus war es richtig knifflig, Kontakte herzustellen. Umso mehr hoffe ich, dass diese Unzulänglichkeiten der Wirkung aller Geschichten und Schicksale nicht abträglich sind.

Den Interviewten gilt mein besonderer Dank. Es war bewegend und bei aller Ernsthaftigkeit des Sujets auch ein großer Spaß. Weiterhin danke ich dem reizenden Team des Querverlags sowie der „Courtney Love der Geschlechterforschung“: Vojin Saša Vukadinović.

(Bei so viel gutem Karma ist es kein Wunder, dass ich in meinem Brot-und-Butter-Beruf hinterrücks mit Content-Marketing-Driss betraut wurde. Hmpf.)

09.09.2018, 20:12 Uhr

#musik

C Duncan: »The Midnight Sun«

C Duncan: »The Midnight Sun«

Unwirsch bricht die Dunkelheit über den Herbst herein. Für Chris Duncan, dessen Wohnung in Glasgow ein ganzes Stück vom Polarkreis entfernt liegt, verspricht sie nach einem Sommer mit bis zu 21 Stunden Sonne am Tag nur Gutes. Vorbei die Tage, in denen man sich als Nachtmensch klaustrophobischen Zuständen ausgesetzt sah, während sich der Rest der Welt sklavisch dem Tageslicht unterwarf. Ironischerweise eignete sich C Duncans Debütalbum Architect aus dem Jahre 2015 hervorragend für sommerliche Zwecke: Dank lieblicher Instrumentierung und buttercremezarten Harmonien hatte es das Zeug zur Ferienliebe. Zumindest wurde Architect, obgleich von Kritikern wertgeschätzt, ein wenig als vergänglich, gar als Easy Listening abgetan.

So easy ist es ein Jahr später mit The Midnight Sun nicht mehr – obwohl für den 27-Jährigen wieder einmal alles von leichter Hand ging: Abermals nahm er seine Kompositionen im Alleingang in seiner Wohnung auf und investierte dieses Mal vielleicht 30 Pfund für Kopfhörer. Ein bisschen noch ging für Wein, Kippen und den Stromverbrauch beim Twilight-Zone-Marathonglotzen drauf. Der Rest hingegen ist künstlerische Hochbegabung: Sei es für das Covermotiv, das er wie schon für Architect selbst gemalt hat, oder eben für seine Musik, die mit der schnoddrigen, Lo-fi verheißenden Wirklichkeit so gar nichts gemein hat.

The Midnight Sun bewahrt die sakralen Harmonien, setzt sie allerdings weitgehend elektronisch erzeugten, teils beklemmenden Atmosphären entgegen. Dabei zeugt es von reichlich Selbstvertrauen, mit der vollsynthetischen ersten Single Wanted to Want It Too in die Öffentlichkeit zu gehen. Doch hier spielt Duncan seine oftmals überhörte Stärke offensiv aus: Ausdruck und Bedeutung finden sich in behutsamen, diffusen Bewegungen wieder, was im zweiten Refrain geradezu meisterhaft ausgeübt wird. Ganz anders fällt das andere große Experiment aus: Like You Do gerät dank des wendigen, doch ungewohnt dominanten Schlagzeugs in einen Trott, dessen Überwindung die Katharsis darstellt.

Other Side schlägt eine der Brücken zum Debütalbum: Rückblickend ist es absurd, dass wenige Synthie-Elemente ausreichen, um vermeintlich leicht verdauliches Geplätscher als den anspruchsvoll komponierten, aufregenden Pop zu begreifen, der er ist. Dabei spricht prinzipiell nichts gegen Musik, die im Hintergrund gut funktioniert, so wie bei Last to Leave. Duncan, dieses Wunderkind, das im Zwielicht seiner methodischen Experimentierfreude mit der Präzision seiner musischen Bildung operiert, hat ein betörendes Werk mit regelrecht synästhetischen Qualitäten geschaffen. Im Zusammenspiel von Perkussion und Wiegenlied-Charakter vermittelt sich das mannigfaltige, überwältigende Gefühl, das man bei einer nächtlichen Autofahrt durch eine Großstadt erlebt: Geborgenheit, Entgrenzung und Kontrollverlust – und das alles gleichzeitig.

12.10.2016, 22:05 Uhr

#musik

Lucy Dacus: »No Burden«

Lucy Dacus: »No Burden«

Menschen, die unerschütterlichen Anstand beweisen, stets Danke und Bitte sagen, allen die Tür aufhalten, vor ihrem Erscheinen vorsichtig anklopfen, sich nicht entschuldigen, sondern um Entschuldigung bitten, und das am besten drei-, viermal hintereinander – da platzt so manchen Arschlöchern die Hutschnur. Sie stellen die Knigge-Freunde zur Rede, bis sie sie zum Weinen bringen. Als ob es ein Zeichen der Schwäche wäre, sich konsequent zurückzunehmen! Zum Glück tritt Lucy Dacus aus Richmond, Virginia mit ihrem treffend betitelten Debütalbum No Burden an und liefert Gegenbeweise im handlichen Indie-Rock-Format.

Das Album beginnt mit einer Nebelkerze im koketten, augenrollenden Singsang zu I Don’t Wanna Be Funny Anymore, verspricht das Spiel mit der Alt-Stimmlage doch, dass Dacus über den Dingen steht und weiß, was sie will. Hiervon bleibt nach Zeilen wie „Is there room in the band? / I don’t need to be the front man“ jedoch wenig übrig. In Troublemaker Doppelgänger sehnt sie sich eine emotionale Utopie herbei: „I wanna live in a world where I can keep my doors wide open.“ Boshafte Menschen werden der 21-Jährigen unterstellen, dass sie noch zu jung ist, um mit den Unzulänglichkeiten des Lebens souverän – oder eher verbittert? – umgehen zu können. Gleichwohl ist der Song an sich viel zu packend, viel zu gekonnt zusammengesetzt, um sich zu einer dermaßen einfachen Interpretation hinreißen lassen zu dürfen.

Ähnliches gilt für Strange Torpedo – womit nicht gemeint ist, dass so manche Frau damit Tampons beschreibt. Benannt nach einem Zitat aus Fear and Loathing in Las Vegas spiegelt der Song die Gratwanderung im Umgang mit einem Partner mit Selbstzerstörungsdrang: „You’re a strange torpedo on the loose / And I’ll play the fool.“ Man muss es sich vor Augen führen: Das Album nennt sich No Burden, doch die Ich-Erzählerin trägt sich von sich aus eine ungeheure Verantwortung auf. Der Krampf findet in Trust weiteren Ausdruck, wenn sie beschreibt, wie ihr ihre bisherige Welt zusammengebrochen ist und sie für sich ein neues Fundament schaffen muss.

Immerhin: Aufgeben ist keine Option. Bei aller Schwäche und allen Ohnmachtsgefühlen ist der Wille zum Fortschritt, zu neuen Maximen, verdammt mutig. Damit ist No Burden ein im besten Sinne merkwürdiges Album: Die bloße Beobachtungsgabe steht beinharten Künstlerinnen wie Courtney Barnett in nichts nach, auch das Gitarrenspiel ist ähnlich anziehend. Doch wo Barnett mit achselzuckend-schnodderiger Unmittelbarkeit brilliert, setzt Lucy Dacus auf eine Aufrichtigkeit, die einen kalt erwischt, besorgt und schlussendlich berührt.

07.09.2016, 21:19 Uhr