Drei Jahre Skandinavien

Als ich anlässlich des hr-Auswahltags in Frankfurt eintraf, wurde ich wieder einmal einer „zufälligen“ Polizeikontrolle unterzogen, als einziger Passagier. Für einen kurzen Moment wusste ich wieder, warum es mich nach Skandinavien verschlagen hatte.

Die Norra Grängesbergsgatan in Malmö

In Schweden kämpft niemand mit der Aussprache meines Namens, niemand fragt, woher ich denn wirklich komme, und vor allem gibt es keine anlasslosen Polizeikontrollen. Wenn ich bei der Grenzkontrolle zwischen Kopenhagen und Malmö meinen Ausweis vorzeige, bedanken sich manche Polizist:innen mit einem wackeligen Schuldeutsch bei mir.

Ansonsten verhält sich die Polizei in Malmö unauffällig. Mal geht in meinem Viertel eine Bombe hoch, mal verbrennt ein Däne den Koran und provoziert einen Aufstand, mal werden Jugendliche umgebracht, die zur falschen Großfamilie gehören. Gang-Kriminalität gehört in Malmö zum Alltag. Man lässt die Leute machen und mischt sich nicht ein.

An einem Sonntagmorgen wurde ein Mann wenige Meter vor mir erschossen. Es war unklar, aus welcher Richtung der Schuss kam. Da ich noch mit meinem Freund Händchen hielt, führte ich ihn in eine ruhigere Ecke, damit er sich sammeln konnte und wir aus dem Schussfeld waren.

Solch ein gemeinsames Trauma schweißt zusammen. Ich musste erst um die 30 werden, um eine typische Teenager-Beziehung zu führen: Wir gegen den Rest der Welt. Auch nach fast drei Jahren Beziehung hänge ich sehr an ihm, nicht nur, weil wir ähnliche Kindheitserfahrungen durchstanden haben, beide in einfachen Verhältnissen aufgewachsen sind und der soziale Aufstieg für uns bis heute so schwierig wie belastend ist.

Er bedeutet mir auch deshalb so viel, weil er eine Neugier in mir geweckt hat, die ich verloren geglaubt hatte. Sei es in seiner Arbeit als Landschaftsgärtner, die er trotz prekärer Bedingungen mit reichlich Freude und Idealismus verfolgt, in seinem eklektischen Film- und Musikgeschmack, seinem Sinn für Humor, in den Speisen, die er zubereitet, in der Aufmerksamkeit und Loyalität, die er seinen Freund:innen entgegenbringt… Er tut mir gut.

Es gab eine Zeit, in der ich bezweifelte, ob ich ihm guttue. Ich musste mir eingestehen, dass ein bullshit job, der meinen Alltag dominiert, mein Wohlbefinden und somit auch meine Beziehung beeinträchtigen kann. Ich sehnte mich nach Sinnhaftigkeit, Abwechslung, menschlichen Begegnungen, kurzum: Neugier und Eindrücken, die sich in meiner Beziehung konstruktiv widerspiegeln lassen.

Nun wissen wir, dass mein Vorhaben, unsere Beziehung zu stärken, uns physisch auseinandertreiben wird. Meine Rückkehr zum Journalismus bedeutet auch eine Rückkehr nach Hessen. So sehr er mich vom ersten Moment an unterstützt hat, tut es weh. Dennoch wissen wir beide, dass es das einzig Richtige ist. Wenigstens werden wir uns verbunden bleiben; in welcher Form, wird die Zeit zeigen.

Bis dahin gilt weiterhin:

Die 12 süßesten Volontär:innen in Hessen

Wie schon gesagt: Eigentlich hatte ich mit dem Gedanken abgeschlossen, mich noch in irgendeiner Form – in Deutschland – diskursiv zu beteiligen. Und nun fange ich beim Hessischen Rundfunk an.

Der Hessische Rundfunk in Dornbusch

Genauer gesagt werde ich dort mit elf weiteren Leuten ein journalistisches Volontariat antreten, womit ein Traum für mich in Erfüllung geht. Damit wird aber auch meine Zeit in Skandinavien nach etwas über drei Jahren ihr Ende finden. Damals verließ ich Deutschland, weil ich keine Perspektiven für mich sah, vom Rechtsruck die Nase voll hatte und ein Leben zwischen Dänemark und Schweden selige Gleichgültigkeit versprach.

In der Zwischenzeit hat sich einiges getan: Rechter Terror wie in Halle und Hanau steht einer erstarkenden Zivilgesellschaft gegenüber. Beides ging nicht spurlos an mir vorüber und lenkte meinen Blick wieder auf Deutschland. Ich machte mir Sorgen um meine Eltern. Mir fehlte mein Freundeskreis. Die skandinavische Gleichgültigkeit, die mir anfangs so zusagte, zermürbte mich zusehends.

Der hr setzte keinen Studienabschluss mehr für das Volontariat voraus. Ich machte mir keine Hoffnungen, als ich meine Unterlagen einreichte, kam jedoch Runde für Runde weiter. Selbstzweifel, dass ich vielleicht nur wegen meiner Herkunft zum Auswahltag eingeladen wurde, zerstreute meine beste Freundin mit den Worten: „Du bist die kartoffeligste Kartoffel, die ich kenne!“, und sie ergänzte noch: „Du hast mir erzählt, dass du nachts um fünf service:trends zum Thema ‚Salami‘ schaust!“

Tatsächlich wurde mir auf dem Auswahltag zu verstehen gegeben, dass ich nicht ohne Grund eingeladen wurde; bekloppter Lebenslauf hin oder her. Mir wurde – und wird – eine Wertschätzung entgegengebracht, die ich in einem Bewerbungsprozess noch nie erlebt habe.

Ich freue mich sehr darauf, hessische Wirklichkeiten abbilden zu dürfen.

Der Boy von Seite 450

Eigentlich hatte ich mit dem Gedanken abgeschlossen, mich noch in irgendeiner Form – in Deutschland – diskursiv zu beteiligen. Ein Jahr nach meiner Auswanderung wird jedoch mein dusseliger Name unter den Beitragenden eines Sammelbandes namens Freiheit ist keine Metapher. Antisemitismus, Migration, Rassismus, Religionskritik aufgeführt. Mutter empfindet nach meinem Studienabbruch doch noch Stolz für mich.

Vojin Saša Vukadinović (Hrsg.): »Freiheit ist keine Metapher«

Dankbarerweise durfte ich eine eher befragende, beobachtende Rolle einnehmen. Zumindest sind die nachträglich eingewobenen politisch-programmatischen Forderungen im Text Herkunft, Homosexualität, Humankapital – wer darf bleiben? Mit Ravi, Emile und Fabrice über die Grenzen des europäischen Humanismus vergleichsweise handzahm ausgefallen.

Dabei war es mein erklärtes Ziel, das Bewusstsein für die Fragestellung allein durch die persönlichen Erfahrungen der Interviewpartner herzustellen. Schade ist, dass es mir nicht gelungen ist, auch nicht-schwule Perspektiven einzufangen. Von Skandinavien aus war es richtig knifflig, Kontakte herzustellen. Umso mehr hoffe ich, dass diese Unzulänglichkeiten der Wirkung aller Geschichten und Schicksale nicht abträglich sind.

Den Interviewten gilt mein besonderer Dank. Es war bewegend und bei aller Ernsthaftigkeit des Sujets auch ein großer Spaß. Weiterhin danke ich dem reizenden Team des Querverlags sowie der „Courtney Love der Geschlechterforschung“: Vojin Saša Vukadinović.

(Bei so viel gutem Karma ist es kein Wunder, dass ich in meinem Brot-und-Butter-Beruf hinterrücks mit Content-Marketing-Driss betraut wurde. Hmpf.)