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Moby & The Void Pacific Choir: »These Systems Are Failing«

Moby & The Void Pacific Choir: »These Systems Are Failing«

Veganer, Großstädter, Intellektueller: Moby gibt ein klares Feindbild ab, und das nicht nur für Bürger, die eine Protestkultur aus dem großen Kotz-Emoji von Facebook heraus entwickelt haben. Der 51-Jährige Richard Melville Hall kann in Los Angeles seinen Überzeugungen nachgehen, ohne in seinem Alltag auf Widerstände zu stoßen oder Kompromisse eingehen zu müssen. Mit der Lebenswirklichkeit des kleinen Mannes, der vom Arbeitsmarkt getrieben wird und seine innere Mitte an der Tanke bei einer Wurst mit Senf findet, hat das freilich nichts zu tun. Welcher Ottonormalverbraucher möchte sich also von arrivierten – so ätzend der Ausdruck auch ist – „Gutmenschen“ wie Moby anhören, dass ausgerechnet seine Bockwurst ein Symbol jener spätkapitalistischen Exzesse darstellt, unter denen er klar leidet? Doch Moby wäre nicht Moby, wenn er seine eigenen Unzulänglichkeiten nicht längst identifiziert hätte. So kommt es, dass er mit These Systems Are Failing ein Protestalbum für seine eigene Filterblase aufgenommen hat.

Betrachtet man die Songs für sich, wissen sie zu unterhalten: Don’t Leave Me verleiht systematischer Tierquälerei mit gewaltigen Achtziger-Synthesizern im Refrain Ausdruck und erinnert an unzählige Radiohits wie Send Me an Angel von Real Life oder All You Zombies von The Hooters. Break.Doubt nervt zwar mit grobschlächtigen Zeilen wie „We’re selling off Heaven for a perfect hell“, überzeugt dafür mit einem unbestreitbaren Pop-Appeal. Der Weltschmerzstampfer Are You Lost in the World Like Me? will Atari Teenage Riot sein, ist jedoch DJ Bobo sehr viel näher, als Moby lieb sein dürfte. Fast möchte man ihm Humor unterstellen, würde diese Ironie nicht sein Anliegen untergraben.

Trotz DJ-Bobo-Gedächtnis-Chor täuscht der Projektname „Moby & The Void Pacific Choir“, denn er ist fiktiv und hätte angesichts des Entstehungsprozesses ruhig unter dem Künstlernamen Moby veröffentlicht werden können. Dafür dient der Name als Chiffre für eine informierte Hörerschaft, die das Werk von D. H. Lawrence im Detail kennt. Daran wäre nichts verwerflich, könnte das Album für sich stehen und wenigstens mittels der Songs die Uninformierten erreichen. Doch mit deplatziertem Elitarismus bei teils erschreckend platten Texten und dem wüst gemeinten New-Wave-Dancepunk-Mischmasch fällt das Album als Protestwerk viel zu zaghaft, verkrampft und unglaubwürdig aus. Zudem erreicht These Systems Are Failing nicht die Fallhöhe des inhaltlich artverwandten, doch ungleich paradigmatischeren Albums Animal Rights aus dem Jahre 1996. So bleibt nur noch das Erscheinungsdatum kurz vor den US-Präsidentschaftswahlen als letztes stimmiges Statement – und das ist zu dünn.

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C Duncan: »The Midnight Sun«

C Duncan: »The Midnight Sun«

Unwirsch bricht die Dunkelheit über den Herbst herein. Für Chris Duncan, dessen Wohnung in Glasgow ein ganzes Stück vom Polarkreis entfernt liegt, verspricht sie nach einem Sommer mit bis zu 21 Stunden Sonne am Tag nur Gutes. Vorbei die Tage, in denen man sich als Nachtmensch klaustrophobischen Zuständen ausgesetzt sah, während sich der Rest der Welt sklavisch dem Tageslicht unterwarf. Ironischerweise eignete sich C Duncans Debütalbum Architect aus dem Jahre 2015 hervorragend für sommerliche Zwecke: Dank lieblicher Instrumentierung und buttercremezarten Harmonien hatte es das Zeug zur Ferienliebe. Zumindest wurde Architect, obgleich von Kritikern wertgeschätzt, ein wenig als vergänglich, gar als Easy Listening abgetan.

So easy ist es ein Jahr später mit The Midnight Sun nicht mehr – obwohl für den 27-Jährigen wieder einmal alles von leichter Hand ging: Abermals nahm er seine Kompositionen im Alleingang in seiner Wohnung auf und investierte dieses Mal vielleicht 30 Pfund für Kopfhörer. Ein bisschen noch ging für Wein, Kippen und den Stromverbrauch beim Twilight-Zone-Marathonglotzen drauf. Der Rest hingegen ist künstlerische Hochbegabung: Sei es für das Covermotiv, das er wie schon für Architect selbst gemalt hat, oder eben für seine Musik, die mit der schnoddrigen, Lo-fi verheißenden Wirklichkeit so gar nichts gemein hat.

The Midnight Sun bewahrt die sakralen Harmonien, setzt sie allerdings weitgehend elektronisch erzeugten, teils beklemmenden Atmosphären entgegen. Dabei zeugt es von reichlich Selbstvertrauen, mit der vollsynthetischen ersten Single Wanted to Want It Too in die Öffentlichkeit zu gehen. Doch hier spielt Duncan seine oftmals überhörte Stärke offensiv aus: Ausdruck und Bedeutung finden sich in behutsamen, diffusen Bewegungen wieder, was im zweiten Refrain geradezu meisterhaft ausgeübt wird. Ganz anders fällt das andere große Experiment aus: Like You Do gerät dank des wendigen, doch ungewohnt dominanten Schlagzeugs in einen Trott, dessen Überwindung die Katharsis darstellt.

Other Side schlägt eine der Brücken zum Debütalbum: Rückblickend ist es absurd, dass wenige Synthie-Elemente ausreichen, um vermeintlich leicht verdauliches Geplätscher als den anspruchsvoll komponierten, aufregenden Pop zu begreifen, der er ist. Dabei spricht prinzipiell nichts gegen Musik, die im Hintergrund gut funktioniert, so wie bei Last to Leave. Duncan, dieses Wunderkind, das im Zwielicht seiner methodischen Experimentierfreude mit der Präzision seiner musischen Bildung operiert, hat ein betörendes Werk mit regelrecht synästhetischen Qualitäten geschaffen. Im Zusammenspiel von Perkussion und Wiegenlied-Charakter vermittelt sich das mannigfaltige, überwältigende Gefühl, das man bei einer nächtlichen Autofahrt durch eine Großstadt erlebt: Geborgenheit, Entgrenzung und Kontrollverlust – und das alles gleichzeitig.

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Yann Tiersen: »EUSA«

Yann Tiersen: »EUSA«

EUSA – offiziell wird der Titel des neuen Yann-Tiersen-Albums in Majuskeln geschrieben. Voreilig ließe er sich politisch-geographisch deuten, mit Gruff Rhys‘ Anti-Brexit-Ballade I Love EU oder mit USADSB der dänisch-englisch singenden Band Nephew vergleichen. Aber nichts dergleichen: Eusa ist der bretonische Name der kleinen Insel Ouessant. Knapp 900 Einwohner teilen sich eine Fläche von knapp 16 Quadratkilometern, die mit zwei Besonderheiten aufwarten kann: „Die Form der Insel erinnert entfernt an eine Krabbe“, so Madame Wikipedia trocken. Auf besagter Krabbe lebt denn auch Yann Tiersen. Schon früher spielte er Alben auf seiner Heimatinsel ein, doch während beispielsweise Les retrouvailles von seiner Weltläufigkeit zeugte, verbleibt sein – verblüffenderweise in den Abbey Road Studios eingespieltes – neues Werk EUSA innerhalb gewisser Grenzen.

Die Beschränkung auf das Klavierspiel ist im Hinblick auf sein bisheriges Schaffen sicherlich keine mutige Entscheidung: Wer daran denkt, wie Chilly Gonzales den Wechsel vom Electroclash- zum Pianoexzentriker vollzogen hat, ohne an Glaubwürdigkeit einzubüßen, wird den zaghaften Methodenwechsel des Multiinstrumentalisten Tiersen für die schwächere Story halten. Gleichwohl war dieser Schritt für einen Künstler, der seit dem Amélie-Soundtrack gegen das eigene Klischee ankämpfen muss, längst fällig. Entsprechend bedächtig-konzeptuell mutet EUSA an: Improvisationen, die unter der Betitelung Hent (bretonisch für „Pfad“) laufen, führen zu den komponierten Stücken, die nach Standorten auf der Insel benannt worden sind. Diese Einzelteile sollen mit Tonaufnahmen vor Ort zu einer geographischen Einheit zusammengeführt werden.

Doch es ist die minimalistische Musik, die eine karge Poesie der Île d'Ouessant zu vermitteln vermag, sei es im Walzertrott von Porz goret oder den ungestümen Stücken Kereon und Kadoran, auch wenn sich Rückbezüge zu früheren Werken nie verkneifen lassen. Lok gweltaz mutet in der windstillen Frühlingssonne besonders empfindsam an, insgesamt fällt die Einbindung der Field-Recordings zu einem atmosphärisch-intimen Ganzen jedoch zaghaft aus. So unfair der Vergleich auch ist, da Tiersen mit einem stringenten Konzept auf Albumlänge aufwartet und, von ein- und ausgangs verlesenen Zitaten der bretonischen Dichterin Anjela Duval abgesehen, völlig nonverbal agiert: Sol Seppys Injoy aus ihrem Album The Bells of 1 2 weiß die Botschaft treffender auszudrücken. Bei aller unverkennbarer, fast schon gewohnter Schönheit muss sich Yann Tiersen den Vorwurf gefallen lassen, dass er zu EUSA überhaupt keine wahrhaftige Bindung herstellen (lassen) möchte – oder kann. Um es angemessen verkopft auszudrücken: Der Dualismus vom Extrinsischen mit dem Intrinsischen – so viel zu dem Versuch, es mit dem Klavier einfacher angehen zu lassen.

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Hamilton Leithauser + Rostam: »I Had a Dream That You Were Mine«

Hamilton Leithauser + Rostam: »I Had a Dream That You Were Mine«

Um aus dem Poesiealbum Deiner Mutter zu zitieren: Das Ganze ist mehr als die Summe seiner Teile. Entsprechend bedeutungsschwanger ist das Plus zwischen Hamilton Leithauser und Rostam auf dem Cover von I Had a Dream That You Were Mine. Doch das Leben besteht nicht nur aus heiterer Addition: Leithauser hat sich als Sänger und Gitarrist von The Walkmen hervorgetan, bis der Band regelrecht die Puste ausging – was gewiss nicht auf seine konstant beeindruckende Gesangsakrobatik zurückzuführen sein dürfte. Rostam Batmanglij hingegen trug bei Vampire Weekend den unvermeidlichen wie diffusen Titel „Multiinstrumentalist“ und subtrahierte sich erst im Januar 2016 aus der Band. Aber, Achtung, Merksatz: Minus mal minus ergibt plus. Daher bleibt zu hoffen, dass zwischen Leithauser und Rostam nicht nur die Rechnung aufgeht, sondern gar die Chemie stimmt.

Dieses Album stellt nicht ihre erste Zusammenarbeit dar: Für Hamilton Leithausers – im positiven Sinne – rückwärtsgewandtes Soloalbum Black Hours griff Rostam ihm bereits für die Songs Alexandra und I Retired als Produzent unter die Arme. Auf Albumlänge war Leithauser in seinem Bemühen, sich von The Walkmen zu emanzipieren, arg verkrampft, das Zusammenspiel von gestriger Inszenierung und moderner Produktion noch nicht auf den Punkt. Die glorreiche Ausnahme heißt tatsächlich I Retired und hat die Idee fabelhaft entrückt umgesetzt, fernab klar wahrnehmbarer Epochenbrüche. Daran knüpft I Had a Dream That You Were Mine klugerweise an. Nach der charmanten, simplen Single A 1000 Times becirct das liebesnärrische Sick as a Dog von der ersten Klaviernote an mit sentimentalen, zugleich verspielten analogen Qualitäten.

Damit eines klar ist: Postmoderne, ironische Brüche liegen ihnen völlig fern. Zunächst abwegig erscheinende Elemente helfen nicht nur der Aussage der Songs, sondern tragen sie sogar klammheimlich. Das Country-Folk-Abschiedsmelodram In a Black Out erfährt erst durch den Engelsgesang eine merkwürdige Aufrichtigkeit und Legitimität. Ähnliches gilt für The Morning Stars, die andere große Countrynummer, bei der einfach alles sitzt: Rhythmus, Arrangement, Gesang – würde sich nur nicht die Orgel nach der ersten Strophe eine elektrophone Komponente bewahren, die ganz behutsam eingestellt wurde.

Wem das zu viel Feingefühl ist, wird sich an When the Truth Is... laben: Zwischen Rhythm and Blues und R&B tänzelnd, torkelnd und lallend, zeugen die Stimmungsschwankungen von Leithausers besten Leistungen auf diesem Album. Sicherlich verbleibt er in seiner Rolle des Tunichtguts auf gewohntem Terrain; auch Rostam dürfte als Produzent an Songs wie Young Lion aus Modern Vampires of the City, dem letzten Vampire-Weekend-Album mit ihm als Vollzeitmitglied, gemessen werden. Doch das Geheimnis ist pure Mathematik: Enthusiasmus + Wahnwitz, Folk + R&B, Hamilton Leithauser + Rostam.

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Lucy Dacus: »No Burden«

Lucy Dacus: »No Burden«

Menschen, die unerschütterlichen Anstand beweisen, stets Danke und Bitte sagen, allen die Tür aufhalten, vor ihrem Erscheinen vorsichtig anklopfen, sich nicht entschuldigen, sondern um Entschuldigung bitten, und das am besten drei-, viermal hintereinander – da platzt so manchen Arschlöchern die Hutschnur. Sie stellen die Knigge-Freunde zur Rede, bis sie sie zum Weinen bringen. Als ob es ein Zeichen der Schwäche wäre, sich konsequent zurückzunehmen! Zum Glück tritt Lucy Dacus aus Richmond, Virginia mit ihrem treffend betitelten Debütalbum No Burden an und liefert Gegenbeweise im handlichen Indie-Rock-Format.

Das Album beginnt mit einer Nebelkerze im koketten, augenrollenden Singsang zu I Don’t Wanna Be Funny Anymore, verspricht das Spiel mit der Alt-Stimmlage doch, dass Dacus über den Dingen steht und weiß, was sie will. Hiervon bleibt nach Zeilen wie „Is there room in the band? / I don’t need to be the front man“ jedoch wenig übrig. In Troublemaker Doppelgänger sehnt sie sich eine emotionale Utopie herbei: „I wanna live in a world where I can keep my doors wide open.“ Boshafte Menschen werden der 21-Jährigen unterstellen, dass sie noch zu jung ist, um mit den Unzulänglichkeiten des Lebens souverän – oder eher verbittert? – umgehen zu können. Gleichwohl ist der Song an sich viel zu packend, viel zu gekonnt zusammengesetzt, um sich zu einer dermaßen einfachen Interpretation hinreißen lassen zu dürfen.

Ähnliches gilt für Strange Torpedo – womit nicht gemeint ist, dass so manche Frau damit Tampons beschreibt. Benannt nach einem Zitat aus Fear and Loathing in Las Vegas spiegelt der Song die Gratwanderung im Umgang mit einem Partner mit Selbstzerstörungsdrang: „You’re a strange torpedo on the loose / And I’ll play the fool.“ Man muss es sich vor Augen führen: Das Album nennt sich No Burden, doch die Ich-Erzählerin trägt sich von sich aus eine ungeheure Verantwortung auf. Der Krampf findet in Trust weiteren Ausdruck, wenn sie beschreibt, wie ihr ihre bisherige Welt zusammengebrochen ist und sie für sich ein neues Fundament schaffen muss.

Immerhin: Aufgeben ist keine Option. Bei aller Schwäche und allen Ohnmachtsgefühlen ist der Wille zum Fortschritt, zu neuen Maximen, verdammt mutig. Damit ist No Burden ein im besten Sinne merkwürdiges Album: Die bloße Beobachtungsgabe steht beinharten Künstlerinnen wie Courtney Barnett in nichts nach, auch das Gitarrenspiel ist ähnlich anziehend. Doch wo Barnett mit achselzuckend-schnodderiger Unmittelbarkeit brilliert, setzt Lucy Dacus auf eine Aufrichtigkeit, die einen kalt erwischt, besorgt und schlussendlich berührt.