Selbstbewusstsein

Von Montag an bin ich Volontär.

Ich kenne das Angebot des hr ein bisschen zu gut, habe die Entwicklung der Anstalt seit mindestens 25 Jahren mitverfolgt und weiß um die strategischen, medienpolitischen und technologischen Fragestellungen der Zeit. Ich habe ein Grundgespür für medienübergreifende, zielgruppengerechte journalistische Arbeit. Ich erkenne den gesellschaftlichen Wert öffentlich-rechtlicher (Infra-)strukturen. Ich kann mir nichts Besseres vorstellen, als daran und darin und arbeiten – und somit nicht mehr rein kommerziellen Zwecken dienen zu müssen.

Ich gehöre hierher, verdammte Axt.

Ein Coronafall in Schweden

Ich platzierte die Lebensmitteltüten auf die Mitte, klingelte an der Tür, rückte meine FFP2-Maske zurecht und lief zwei Schritte zurück. Mein Freund öffnete die Tür, sichtlich gezeichnet von etwas, das sich im Nachhinein als Corona entpuppen sollte, und nahm meine übrig gebliebenen Lebensmittelsvorräte entgegen. Ich konnte ihn nicht umarmen, nicht küssen, nicht noch ein letztes Mal an ihm riechen. Ich lief zum Fahrstuhl und nahm mir fest vor, auf dem Heimweg nicht zu weinen.

Viel mehr ließ ich in Malmö nicht zurück. Eine Handvoll Leute werde ich hoffentlich wiedersehen können; bei allen anderen war es an der Zeit, weiterzuziehen. Die Pandemie hat mein Verhältnis zu Schweden abkühlen lassen. Fremde zeigten mit dem Finger auf mich, wenn ich einen Mund-Nasen-Schutz trug, oder äfften mich im Supermarkt nach, wenn ich Abstand erbat. Manchen Bekannten war es unangenehm, mit mir und meiner Maske gesehen zu werden. Es fehlte an Verständnis und zuletzt Geduld dafür, dass mein Freund zur Risikogruppe gehörte und ich mich ihm gegenüber verantwortungsvoll verhalten wollte.

Für ihn war es erst recht nicht leicht: Wich er auf dem Gehweg anderen Menschen aus, hielt ihn die Polizei fest, da er sich „verdächtig“ verhalten habe. Seine finanzielle Situation war dermaßen angespannt, dass er vom Arbeitsamt dazu gedrängt wurde, unter Menschen zu arbeiten. Bestimmte Arbeitsstätten konnte er nicht mit dem Fahrrad, sondern nur mit dem ÖPNV erreichen, wo die Abstands- und Hygiene-„Empfehlungen“ nicht ernsthaft eingehalten wurden.

Er hatte Pech. Fieber, Schmerzen, die sich mit Hausmitteln nicht in den Griff kriegen ließen, Atemprobleme, Beklemmungen. Er reservierte ein Zeitfenster in der Apotheke, in der ich als Bevollmächtigter seinen Coronatest abholen und wieder abgeben musste. Ich versuchte, nicht emotional zu werden, mich nicht über das schwedische Gesundheitssystem aufzuregen, und konzentrierte mich auf meinen Umzug, mistete Gegenstände aus, taktete den Ablauf des Umzugstags präzise. Ich musste funktionieren und nicht daran denken, dass ich ihn mit meinem Umzug und meinem fancy-schmancy Volontariat in einer absoluten Notlage vollkommen im Stich lasse.

Meinen letzten Tag in Malmö verbrachten wir damit, per Kurznachrichtendienst in Erinnerungen zu schwelgen, seine Pläne für ein besseres, selbstbestimmtes Jahr 2021 zu schmieden und ein ungleich würdevolleres Wiedersehen zu vereinbaren. So scheiße es auch ist, dass er nach 14 Tagen wieder arbeiten muss, um Geld zu verdienen, und so ungewiss die Langzeitfolgen für ihn sein werden: Die Hoffnung lässt er sich nicht nehmen.

Drei Jahre Skandinavien

Als ich anlässlich des hr-Auswahltags in Frankfurt eintraf, wurde ich wieder einmal einer „zufälligen“ Polizeikontrolle unterzogen, als einziger Passagier. Für einen kurzen Moment wusste ich wieder, warum es mich nach Skandinavien verschlagen hatte.

Die Norra Grängesbergsgatan in Malmö

In Schweden kämpft niemand mit der Aussprache meines Namens, niemand fragt, woher ich denn wirklich komme, und vor allem gibt es keine anlasslosen Polizeikontrollen. Wenn ich bei der Grenzkontrolle zwischen Kopenhagen und Malmö meinen Ausweis vorzeige, bedanken sich manche Polizist:innen mit einem wackeligen Schuldeutsch bei mir.

Ansonsten verhält sich die Polizei in Malmö unauffällig. Mal geht in meinem Viertel eine Bombe hoch, mal verbrennt ein Däne den Koran und provoziert einen Aufstand, mal werden Jugendliche umgebracht, die zur falschen Großfamilie gehören. Gang-Kriminalität gehört in Malmö zum Alltag. Man lässt die Leute machen und mischt sich nicht ein.

An einem Sonntagmorgen wurde ein Mann wenige Meter vor mir erschossen. Es war unklar, aus welcher Richtung der Schuss kam. Da ich noch mit meinem Freund Händchen hielt, führte ich ihn in eine ruhigere Ecke, damit er sich sammeln konnte und wir aus dem Schussfeld waren.

Solch ein gemeinsames Trauma schweißt zusammen. Ich musste erst um die 30 werden, um eine typische Teenager-Beziehung zu führen: Wir gegen den Rest der Welt. Auch nach fast drei Jahren Beziehung hänge ich sehr an ihm, nicht nur, weil wir ähnliche Kindheitserfahrungen durchstanden haben, beide in einfachen Verhältnissen aufgewachsen sind und der soziale Aufstieg für uns bis heute so schwierig wie belastend ist.

Er bedeutet mir auch deshalb so viel, weil er eine Neugier in mir geweckt hat, die ich verloren geglaubt hatte. Sei es in seiner Arbeit als Landschaftsgärtner, die er trotz prekärer Bedingungen mit reichlich Freude und Idealismus verfolgt, in seinem eklektischen Film- und Musikgeschmack, seinem Sinn für Humor, in den Speisen, die er zubereitet, in der Aufmerksamkeit und Loyalität, die er seinen Freund:innen entgegenbringt… Er tut mir gut.

Es gab eine Zeit, in der ich bezweifelte, ob ich ihm guttue. Ich musste mir eingestehen, dass ein bullshit job, der meinen Alltag dominiert, mein Wohlbefinden und somit auch meine Beziehung beeinträchtigen kann. Ich sehnte mich nach Sinnhaftigkeit, Abwechslung, menschlichen Begegnungen, kurzum: Neugier und Eindrücken, die sich in meiner Beziehung konstruktiv widerspiegeln lassen.

Nun wissen wir, dass mein Vorhaben, unsere Beziehung zu stärken, uns physisch auseinandertreiben wird. Meine Rückkehr zum Journalismus bedeutet auch eine Rückkehr nach Hessen. So sehr er mich vom ersten Moment an unterstützt hat, tut es weh. Dennoch wissen wir beide, dass es das einzig Richtige ist. Wenigstens werden wir uns verbunden bleiben; in welcher Form, wird die Zeit zeigen.

Bis dahin gilt weiterhin: